Alles dreht sich um Schulden
Die globale Schuldenlast ist auf einem Rekordhoch. Dies zwingt Staaten zu unkonventionellen Massnahmen. Anlegerinnen und Anleger müssen umdenken. Schulden sind ein integraler Bestandteil moderner Volkswirtschaften. Die Kreditaufnahme ermöglicht es, Investitionen zu tätigen, Krisen zu überbrücken und Wachstum zu finanzieren. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) beliefen sich die globalen Gesamtschulden 2023 auf fast 250 Billionen US-Dollar, was 237 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht. Davon entfallen rund 98 Billionen US-Dollar auf öffentliche Schulden. Private Schulden, also der Bruttobestand an Verbindlichkeiten, die von privaten Haushalten und Unternehmen (exkl. Banken und Versicherungen) gehalten werden, belaufen sich auf über 150 Billionen US-Dollar. Obwohl die privaten Schulden höher sind, liegt der Fokus meist auf Staatsschulden, da diesen seltener Vermögenswerte gegenüberstehen und sie den finanziellen Spielraum von Staaten sowie Zinsen, Inflation und Wachstum direkt beeinflussen.

Anstieg der globalen Schuldenlast
Infolge der Finanzkrise 2008, der Eurokrise und der umfangreichen fiskalischen Stimuli während der Coronapandemie sind die globalen Staatsschulden in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen. Während die weltweite Staatsverschuldung im Jahr 2007 noch bei rund 60 Prozent des globalen BIP lag, belief sie sich 2023 auf etwa 94 Prozent.
Ein moderates Niveau staatlicher Verschuldung ist ökonomisch sinnvoll und kann das Wachstum fördern. Eine zu hohe Verschuldung kann jedoch verschiedene Probleme mit sich bringen:
Eingeschränkte Krisenresilienz: Staaten, die bereits hoch verschuldet sind, können in Rezessionen oder politischen Krisen weniger wirksam gegensteuern.
Steigende Zinslasten: Wachsende Zinszahlungen schmälern die fiskalischen Spielräume und erhöhen das Risiko einer Schuldenspirale.
Verdrängung privater Investitionen: Eine hohe staatliche Kreditaufnahme kann privates Kapital binden und das Wirtschafts- und Produktivitätswachstum hemmen.
Gefahr von Instabilität: Überschuldete Staaten laufen Gefahr, das Vertrauen der Märkte zu verlieren. Dies kann Währungskrisen, Kapitalflucht oder sogar Zahlungsausfälle nach sich ziehen, die globale Auswirkungen haben können.
Intergenerationelle Lasten: Eine übermässige Verschuldung heute bedeutet höhere Steuerbelastungen oder Leistungskürzungen für kommende Generationen.


Wieviel Schulden sind zu viel?
Eine allgemeingültige Grenze gibt es nicht. Oft wird jedoch ein Schuldenstand von 60 Prozent des BIP, wie er im Maastricht-Vertrag der EU festgelegt ist, als Richtwert genannt. Ab einem Verschuldungsniveau von rund 100 Prozent des BIP steigen die Risiken erfahrungsgemäss deutlich, insbesondere bei hohem Zinsniveau oder wenn das Wachstum nachlässt. Denn sowohl Zinsen als auch die Wachstumsrate beeinflussen die Schuldentragfähigkeit eines Staates, also die Fähigkeit, Zins- und Tilgungsverpflichtungen langfristig zu bedienen.
Mögliche Wege aus der Schuldenfalle
Es gibt verschiedene Ansätze zur Reduktion von Staatsschulden. Durch eine Haushaltskonsolidierung können Ausgaben gesenkt oder Steuern erhöht werden, um Überschüsse zu erzielen. Dies ist jedoch politisch oft schwer umsetzbar. Eine weitere Möglichkeit sind Schuldenrestrukturierungen, also die Neuverhandlung oder der Teilerlass von Schulden. In grossen, vernetzten Volkswirtschaften lässt sich dies aber kaum umsetzen, da somit die Stabilität des globalen Finanzsystems gefährdet würde. Als weiterer Ansatz gilt der wachstumsinduzierte Schuldenabbau, bei dem die Wachstumsrate über den Zinskosten liegt und dadurch die Schuldenquote im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung sinkt.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in den USA gewinnt die Kombination aus fiskalischer Dominanz und finanzieller Repression als Instrument des Schuldenabbaus zunehmend an Bedeutung. Unter fiskalischer Dominanz versteht man, dass die Geldpolitik den Bedürfnissen der Fiskalpolitik untergeordnet wird. In diesem Umfeld unterstützt die Zentralbank die Finanzierung des Staates, indem sie in grossem Umfang Staatsanleihen kauft oder Zinsen durch Obergrenzen und Zinskurvenkontrollen niedrig hält. Ein ergänzendes Mittel ist die finanzielle Repression. Dabei werden Banken, Pensionskassen und Versicherungen per Gesetz oder Vorschrift dazu verpflichtet, einen wesentlichen Teil ihres Anlagevermögens in Staatsanleihen zu investieren.
Für die USA ist die Kombination aus fiskalischer Dominanz und finanzieller Repression eine der wenigen realistischen Optionen, um ihre hohe Schuldenlast langfristig zu stabilisieren. Diese Strategie senkt zwar die Refinanzierungskosten, geht jedoch mit erheblichen Risiken einher. Sie kann das Vertrauen in die Geldpolitik untergraben, die Inflation anheizen und Verwerfungen an den Finanzmärkten auslösen. Ein solches Vorgehen ist für eine Volkswirtschaft von globaler Bedeutung, wie die USA, besonders riskant, da es nicht nur die heimische Finanzstabilität, sondern auch die internationalen Kapitalmärkte direkt beeinflusst.
Anlagepolitik in Zeiten hoher Staatsverschuldung
Die hohen globalen Schuldenstände und die daraus resultierende, realistische Option einer Kombination aus fiskalischer Dominanz und finanzieller Repression haben weitreichende Konsequenzen für Anlegerinnen und Anleger. In einem Umfeld mit erhöhter Inflation und künstlich niedrigen Zinsen sinkt die Attraktivität festverzinslicher Anlagen erheblich. Es besteht das Risiko, dass die Renditen von Anleihen unter der Inflationsrate liegen, was reale Kaufkraftverluste zur Folge hätte.
Realwerte als Gewinner
Als Alternative rücken Realwerte wie Gold, Immobilien oder Aktien in den Vordergrund. Realwerte sind Vermögenswerte mit materiellem oder realwirtschaftlichem Gegenwert, die im Unterschied zu nominalen Anlagen einen gewissen Schutz vor Inflation bieten. Gold hat sich in Zeiten geld- und fiskalpolitischer Unsicherheit als verlässliches Wertaufbewahrungsmittel bewährt. Dank begrenztem Angebot und Unabhängigkeit von politischen Eingriffen bleibt seine Kaufkraft auch in inflationären Phasen erhalten.
Schweizer Wohnimmobilien weisen dank stabiler Nachfrage, begrenztem Angebot und verlässlichen Eigentumsrechten ein attraktives Risiko-Rendite-Profil auf und schützen das Kapital auch in einem inflationären Umfeld. Ebenso bieten Aktien langfristigen Schutz vor Inflation. Entscheidend ist jedoch eine sorgfältige Titelauswahl. Unternehmen mit klaren Wettbewerbsvorteilen, Preissetzungsmacht, soliden Margen und stabiler Ertragskraft können ihre Profitabilität auch in einem inflationären Umfeld wahren. Zudem sind solche Qualitätsunternehmen im Allgemeinen weniger verschuldet und zeichnen sich durch eine überdurchschnittliche Widerstandsfähigkeit gegenüber konjunkturellen Schwankungen aus.
In dem aktuellen Umfeld ist für Anlegerinnen und Anleger eine vorausschauende und breit diversifizierte Anlagestrategie entscheidend. Eine ausgewogene Kombination aus festverzinslichen Anlagen, Realwerten wie Gold, Immobilien und Qualitätsaktien bietet die besten Voraussetzungen, um die Kaufkraft langfristig zu erhalten.
Verfasst von:
Tobias Wagner, Quantitative Investment Analyst Dreyfus Söhne & Cie AG, Banquiers
Dieser Artikel erschien erstmals am 24. Oktober 2025 in der Basler Zeitung.
Disclaimer
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